Das Netz, das den anderen gehört — warum beim Strom nicht die Erzeugung zählt, sondern wer die Leitungen hält

Das Netz, das den anderen gehört

Aus der Reihe „Wem gehört die Infrastruktur?“ – Der Strom: Warum beim Strom nicht die Erzeugung die eigentliche Frage ist, sondern wer die Leitungen hält

Ein Stromnetz fällt nicht auf. Es liefert, Tag für Tag, und niemand denkt darüber nach, wem die Leitungen gehören, durch die der Strom ins Haus kommt. Die Antwort ist überraschend. Das größte deutsche Übertragungsnetz, jene Höchstspannungs-Autobahn, die den Strom von Nord nach Süd trägt, gehörte bis vor Kurzem vollständig dem niederländischen Staat.[1] Ein weiteres, das den Osten versorgt, gehört mehrheitlich einem belgischen Konzern. Über das Rückgrat der deutschen Stromversorgung entscheidet damit zu erheblichen Teilen, wer jenseits der Grenze darüber verfügt.

Damit steht der Strom am Ende dieser Reihe an einem eigentümlichen Punkt. Vier Netze hat sie betrachtet, und bei dreien lief die Sorge in dieselbe Richtung: dass der Staat das Netz aus der Hand gibt oder es verfallen lässt. Beim Strom liegt der Fall anders und doch verwandt. Hier hat der Staat die Erzeugung dem Wettbewerb geöffnet – zu Recht, denn ein Kraftwerk ist kein Monopol; es kann neben anderen stehen und mit ihnen konkurrieren. Aber das Netz, das den erzeugten Strom transportiert, hat er gleich mit aus der Hand gegeben. Und anders als bei einer bröckelnden Brücke merkt der Bürger davon nichts an der Qualität. Der Strom kommt zuverlässig. Er merkt es, wenn überhaupt, am Preis.

Was am Strom anders ist

Um zu verstehen, warum das Netz die eigentliche Frage ist, muss man Strom in zwei Dinge zerlegen, die im Alltag als eines erscheinen: die Erzeugung und den Transport. Der Strom, der aus der Steckdose kommt, wurde irgendwo erzeugt – in einem Windpark, einem Gaskraftwerk, auf einem Solardach – und dann durch Leitungen bis zu Ihnen gebracht. Diese beiden Vorgänge folgen völlig verschiedenen Gesetzen.

Erzeugung ist teilbar. Es können viele Kraftwerke nebeneinander bestehen, neue hinzukommen, alte vom Netz gehen; sie konkurrieren um den besten Preis. Genau deshalb war es richtig, die Erzeugung dem Wettbewerb zu öffnen – hier gibt es kein natürliches Monopol, das der Staat halten müsste. Das Transportnetz dagegen ist nicht teilbar. Niemand baut eine zweite Höchstspannungstrasse parallel zur ersten, nur um Wettbewerb zu erzeugen; das wäre unbezahlbar und sinnlos. Es gibt genau ein Netz, und wer es besitzt, hält ein Monopol, das sich seiner Natur nach nicht auflösen lässt.

Das ist der rote Faden dieser ganzen Reihe, und beim Strom tritt er in seiner klarsten Form hervor. Beim Wasser, bei der Schiene, bei der Straße musste man die Ebenen mühsam auseinanderdividieren. Beim Strom hat der Gesetzgeber sie sauber getrennt: Erzeugung im Wettbewerb, Netz unter Regulierung. Die Trennung selbst ist ein Erfolg. Die offene Frage ist nur, wem das Netz danach gehören sollte – und diese Frage hat Deutschland anders beantwortet als etwa beim Autobahnnetz.

Wem das Netz gehört

Vier Unternehmen betreiben in Deutschland das Übertragungsnetz, jedes für eine Region. Ihre Eigentümerstruktur liest sich wie eine Landkarte europäischer Beteiligungen. TenneT, zuständig für einen breiten Streifen von der Nordsee bis nach Bayern, gehörte vollständig dem niederländischen Staat. 50Hertz im Osten gehört zu achtzig Prozent der belgischen Elia-Gruppe. TransnetBW im Südwesten gehört mehrheitlich dem baden-württembergischen Konzern EnBW. Und Amprion im Westen gehört einem Konsortium institutioneller Investoren, mit einem Energiekonzern als Ankeraktionär.[2]

Man kann darin ein Versäumnis sehen, und der Gedanke liegt nahe: Warum liegt das Rückgrat der eigenen Stromversorgung in ausländischer Staatshand? Bei einem Gut, das mit der Energiewende von Jahr zu Jahr wichtiger wird, ist das keine akademische Frage. Wer das Netz hält, verfügt über die Bedingungen, zu denen aller Strom transportiert wird – und über eine Infrastruktur, deren Ausfall ein Land stillstellt.

Aber die Geschichte ist nicht zu Ende erzählt, wenn man nur den Ist-Zustand nennt. Denn der Staat holt sich gerade zurück, was er einst abgab – leise, teuer und stückweise. Über die staatliche Förderbank KfW hat der Bund inzwischen Anteile an drei der vier Netzbetreiber erworben: an 50Hertz, an TransnetBW, und mit Vollzug im Juli 2026 auch an der deutschen TenneT-Tochter.[3] Ein vollständiger Kauf der gesamten TenneT war zuvor an den Kosten gescheitert – es ging um zweistellige Milliardenbeträge.[4] Was hier geschieht, ist die Rückholbarkeit, die schon beim Wasser das Thema war: Ein einmal abgegebenes Netz zurückzugewinnen, ist ungleich teurer, als es nie aus der Hand gegeben zu haben.

Was das Netz kostet – und warum

Der Preis eines abgegebenen Netzes zeigt sich aber nicht nur beim Rückkauf. Er zeigt sich jeden Monat auf der Stromrechnung, in einer Position, die kaum jemand liest: dem Netzentgelt. Es macht etwa ein Drittel des Strompreises aus, und mit ihm bezahlen die Verbraucher den Betrieb, die Wartung und den Ausbau der Netze – insgesamt rund siebenunddreißig Milliarden Euro im Jahr.[5]

In diesem Entgelt steckt ein Bestandteil, der die ganze Logik des Monopols offenlegt. Ein Netzbetreiber darf auf das Kapital, das er in seine Leitungen gesteckt hat, eine Verzinsung verlangen – eine Rendite, die ihm die Bundesnetzagentur im Voraus zusichert und die über das Netzentgelt bei den Verbrauchern eingesammelt wird. Das ist kein Missstand, sondern das Prinzip der regulierten Rendite: Wer investiert, soll einen angemessenen Ertrag bekommen, sonst investiert niemand. Aber es bedeutet auch, dass jeder Euro, den ein Netzbetreiber verdient, aus dem Entgelt kommt, das der Stromkunde zahlt – nicht aus einem Wettbewerb, in dem sich ein günstigerer Anbieter durchsetzen könnte. Es gibt keinen günstigeren Anbieter. Es gibt nur dieses eine Netz.

Wie umkämpft diese Rendite ist, lässt sich an einem Streit ablesen, der bis vor den Bundesgerichtshof ging. Die Netzbetreiber, unter ihnen E.ON, klagten auf eine höhere Verzinsung; die Bundesnetzagentur hielt dagegen; der Verbraucherschutz mahnte, die Betreiber hätten in der Vergangenheit ohnehin gute Renditen erzielt. 2024 bestätigte der Bundesgerichtshof die Behörde.[6] Hinter dem juristischen Gerangel steht ein echter Wertkonflikt, der sich nicht auflösen lässt: Eine höhere Rendite lockt das private Kapital an, das für den gewaltigen Netzausbau gebraucht wird – aber sie zahlen die Verbraucher. Eine niedrigere entlastet die Rechnung – aber sie kann Investoren abschrecken, gerade jetzt, wo so viel gebaut werden muss. Beide Seiten haben ein Argument. Keine hat allein recht.

Das stille Geschäft mit dem sicheren Transport

Es lohnt, an dieser Stelle innezuhalten, denn hier zeigt sich etwas über den Wert eines Monopolnetzes, das in der öffentlichen Debatte selten vorkommt. Man hört gelegentlich die Vermutung, im Stromgeschäft lasse sich am sicheren Transport mehr verdienen als an der riskanten Erzeugung. In dieser Zuspitzung ist der Satz nicht haltbar – die großen Konzerne haben sich gerade aufgespalten, der eine ins Netz, der andere in die Erzeugung, sie sind nicht mehr dieselbe Firma, die beides vergleicht. Aber die Beobachtung dahinter trifft einen wahren Kern.

Sehen Sie sich an, wie die Unternehmen selbst entscheiden. E.ON, einst ein klassischer Erzeuger, hat die Kraftwerke abgestoßen und sich fast vollständig auf das Netz konzentriert. Das Ergebnis lässt sich in den Geschäftszahlen ablesen: Das regulierte Netzgeschäft ist der stabilste und größte Ertragsträger des Konzerns; von den Milliarden, die E.ON bis 2028 investieren will, fließt der weitaus größte Teil ins Netz.[7] Warum? Weil das Netz das sichere Geschäft ist. Die Erzeugung muss sich täglich am Markt behaupten, gegen schwankende Preise und Konkurrenz. Das regulierte Netz liefert eine planbare, im Voraus zugesicherte Rendite – abgeschirmt gegen genau den Wettbewerb, dem die Erzeugung ausgesetzt ist. Der Kapitalmarkt weiß das und bewertet das Monopol höher als das Kraftwerk.

Das ist die eigentliche Pointe. Ein Monopolnetz ist nicht deshalb wertvoll, weil sein Betreiber besonders tüchtig wäre, sondern weil es keinem Wettbewerb ausgesetzt ist. Seine Rendite ist sicher, weil sie garantiert ist. Und wer eine solche sichere, garantierte Rendite hält, hält etwas sehr Wertvolles – bezahlt von allen, die auf den Strom angewiesen sind und keine Wahl haben, durch wessen Leitung er kommt.

Die Energiewende macht das Netz zum Zentrum

Bis hierher könnte man das alles für ein Kostenproblem unter vielen halten. Doch die Energiewende hebt das Netz aus der Reihe der gewöhnlichen Infrastrukturen heraus und macht es zur entscheidenden. Der Grund ist einfach: Früher standen die Kraftwerke dort, wo der Strom gebraucht wurde – in der Nähe der Städte und Industrien. Der Windstrom aber entsteht im Norden und auf See, der Verbrauch sitzt im Süden und Westen. Zwischen Erzeugung und Verbrauch klafft plötzlich eine geografische Lücke, die nur das Netz schließen kann. Ohne neue Leitungen bleibt der Windstrom im Norden hängen, während im Süden die Kraftwerke laufen müssen.

Was das kostet, sieht man schon heute an einer versteckten Position: dem Engpassmanagement. Wenn im Norden mehr Windstrom entsteht, als die Leitungen nach Süden tragen können, müssen die Netzbetreiber Windräder abregeln und zugleich südliche Kraftwerke hochfahren. Dieses Gegensteuern kostete 2025 rund drei Milliarden Euro – bezahlt, wie das Netzentgelt insgesamt, von allen Stromkunden.[8] Es ist der Preis eines Netzes, das mit der Erzeugung nicht Schritt gehalten hat.

Deshalb wird nun in einem Umfang gebaut, der frühere Zahlen sprengt. Der Netzentwicklungsplan, den die Bundesnetzagentur bestätigt hat, sieht rund viertausendachthundert Kilometer neue Leitungen und weitere zweitausendfünfhundert Kilometer Verstärkung vor, dazu fünf große Gleichstromtrassen von Nord nach Süd und die Anbindung der Windparks auf See.[9] Der Investitionsbedarf bis 2045 wird amtlich auf rund 360 bis 440 Milliarden Euro beziffert.[10] Und diese Spanne ist aus einem Grund so weit, der tiefer reicht als übliche Baukostenrisiken.

Die teuerste offene Frage: über oder unter der Erde

Bei den großen Nord-Süd-Trassen ist bis heute nicht endgültig entschieden, wie sie gebaut werden – als Freileitung über Masten oder als Erdkabel im Boden. Und dieser Unterschied ist kein Detail. Ein Erdkabel kostet bei diesen Gleichstromleitungen ein Vielfaches der Freileitung; Schätzungen der Netzbetreiber reichen bis zum Vier- bis Achtfachen.[11] Auf tausende Kilometer summiert sich das zu einer Unsicherheit, neben der gewöhnliche Kostenschwankungen klein aussehen.

Die Geschichte dieser Entscheidung zeigt, wie schwer die Abwägung ist. 2015 legte der Gesetzgeber für die großen Gleichstromtrassen einen Erdkabelvorrang fest – teurer, aber weniger sichtbar, um die Akzeptanz der Menschen vor Ort zu gewinnen, durch deren Landschaft die Leitungen führen.[12] Der Widerstand gegen Freileitungsmasten hatte Projekte jahrelang blockiert; das Erdkabel war der Preis für den Frieden. 2026 schwenkte die Politik teilweise zurück: Um Milliarden zu sparen und schneller zu bauen, sollten neue Trassen wieder häufiger als Freileitung entstehen – woraufhin prompt die Gegenseite warnte, ein solcher Wechsel koste am Ende Jahre und ebenfalls Milliarden.[13] Der Streit ist nicht entschieden.

Hier stehen sich zwei berechtigte Anliegen gegenüber, ohne dass eines das andere aufhebt. Die günstigere Freileitung schont die Netzentgelte, die alle zahlen; das teurere Erdkabel schont die Landschaft und die Menschen, die an der Trasse leben. Das eine ist so wenig unvernünftig wie das andere. Und in dieser Abwägung steckt eine strukturelle Merkwürdigkeit, die man nüchtern benennen kann, ohne jemandem etwas zu unterstellen: Da die Rendite des Netzbetreibers ein Prozentsatz auf sein investiertes Kapital ist, wächst sein absoluter Ertrag mit der Höhe der Investition. Die teurere Bauart schmälert seinen Gewinn also nicht – sie vergrößert die Basis, auf die seine garantierte Verzinsung berechnet wird. Das ist kein Vorwurf an ein Unternehmen; es ist der Anreiz, den das System selbst setzt. Aber es ist ein Grund mehr, warum die Kontrolle über diese Entscheidungen dorthin gehört, wo das Interesse der Allgemeinheit zählt und nicht die Höhe der Investitionssumme.

Der Preis, den der Bürger sieht

All das bliebe abstrakt, gäbe es nicht den Moment, in dem der Bürger dem Netz zum ersten Mal direkt begegnet – nicht als Stromausfall, sondern als neue Zeile auf der Rechnung. Dieser Moment kommt gerade. Weil die Netzkosten steigen und zugleich immer mehr Menschen mit eigenen Solaranlagen weniger Strom aus dem Netz beziehen, schrumpft die Zahl derer, die das Netz über ihr Entgelt mitfinanzieren – während das Netz in gleicher Größe vorgehalten werden muss. Wer selbst Strom erzeugt, braucht das Netz weiterhin: für den Strom im Winter, für die Einspeisung im Sommer. Er nutzt es, trägt aber weniger zu seinen Kosten bei.

Die Bundesnetzagentur will das ab 2029 ändern und auch Haushalte mit eigener Solaranlage stärker an den Netzkosten beteiligen – über einen höheren Grundpreis, voraussichtlich unter hundert Euro im Jahr, Balkonkraftwerke ausgenommen.[14] Über die Höhe kann man streiten, und die Solarbranche tut es. Interessant ist der Vorgang selbst. Er führt vor Augen, was ein Monopolnetz im Kern ist: eine gemeinsame Anlage, die allen dient und von allen getragen werden muss, auch von denen, die sich ihr teilweise entziehen können. Genau an dieser Stelle – einem neuen Posten auf der Stromrechnung des Eigenheimbesitzers – wird das ferne, ausländisch beteiligte Übertragungsnetz plötzlich konkret.

Was die vier Netze verbindet

Damit schließt sich der Bogen dieser Reihe. Vier Netze hat sie betrachtet – Wasser, Schiene, Straße, Strom – und so verschieden sie sind, immer lief alles auf dieselbe Einsicht hinaus. Das Netz ist das eine, das nur einmal existiert und das alle brauchen. Es lässt sich nicht verdoppeln, nicht dem Wettbewerb aussetzen, nicht durch einen günstigeren Anbieter ersetzen. Es ist ein Monopol seiner Natur nach. Und über ein Monopol entscheidet, wer es hält.

Beim Wasser zeigte sich, was geschieht, wenn ein privater Eigentümer das Netz auf Verschleiß fährt. Bei der Schiene, wie schwer die Trennung von Netz und Betrieb fällt, wenn beide einem Konzern gehören. Bei der Straße, dass ein Netz ohne verkäufliches Gut im Haushalt zuerst verhungert. Und beim Strom, dass ein abgegebenes Netz eine sichere, garantierte Rendite abwirft – für den, der es hält, bezahlt von allen, die auf den Strom angewiesen sind. Vier Mal dieselbe Struktur, vier Mal eine andere Folge.

Der Strom fügt dem eine letzte Wendung hinzu. Hier korrigiert der Staat gerade seinen eigenen Kurs, kauft sich über die KfW zurück in die Netze, die er einst ganz aus der Hand gab. Das ist teuer, und es ist unfertig. Aber es ist auch ein Eingeständnis. Wer ein Netz einmal abgegeben hat, merkt seinen Wert oft erst, wenn er es zurückhaben will – und feststellt, was es kostet, das Selbstverständliche zurückzukaufen. Bleibt die Frage, die diese Reihe von Anfang an begleitet hat und die keine ihrer vier Antworten endgültig schließt: Wenn das Netz das Monopol ist, und wenn über ein Monopol entscheidet, wer es hält – wie sicher wollen wir sein, dass es die richtige Hand ist?


[1] TenneT betreibt mit über 14.000 Trassenkilometern das größte deutsche Übertragungsnetz, das sich von der norddeutschen Küste bis nach Bayern erstreckt. Die Muttergesellschaft TenneT Holding befand sich vollständig im Eigentum des niederländischen Staates. [amtlich] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, „Vertragsunterzeichnung zum Einstieg des Bundes bei TenneT Germany“ (April 2026). Link.

[2] Deutschland hat vier Übertragungsnetzbetreiber, je eine Regelzone: TenneT (Schleswig-Holstein bis Bayern), 50Hertz (Osten; zu 80 % Elia Group/Belgien, 20 % Bund), TransnetBW (Südwesten; mehrheitlich EnBW), Amprion (sieben westdeutsche Länder; Konsortium institutioneller Investoren, RWE als Ankeraktionär mit 25,1 %). RWE bot seinen Amprion-Anteil im Frühjahr 2025 zum Verkauf an. [amtlich/verifiziert] BMWE (a.a.O.); Statista, „Stromnetzbetreiber in Deutschland“. Link.

[3] Der Bund erwarb über die KfW 25,1 % an TenneT Germany (Kaufvertrag 3. Februar 2026, Vollzug Anfang Juli 2026) und ist damit an drei der vier Übertragungsnetzbetreiber beteiligt (TenneT 25,1 %, 50Hertz 20 %, TransnetBW 24,95 %); an Amprion hält kein Staatsunternehmen Anteile. [amtlich] KfW, „Vertragsunterzeichnung zum Einstieg des Bundes bei TenneT Germany“ (Februar 2026); BMWE (April 2026). Link.

[4] Verhandlungen über einen vollständigen Erwerb der gesamten TenneT durch den Bund scheiterten 2024, offiziell aufgrund von Haushaltsproblemen; es ging um einen zweistelligen Milliardenbetrag. Der spätere Einstieg beschränkte sich daher auf eine Minderheitsbeteiligung an der deutschen Tochter. [verifiziert] Statista, „Stromnetzbetreiber in Deutschland“. Link.

[5] Die Netzentgelte machen für Haushalte etwa ein Drittel des Strompreises aus; mit ihnen werden Betrieb, Wartung, Erneuerung und Ausbau des Stromnetzes finanziert. Jährlich kommen laut Bundesnetzagentur rund 37 Milliarden Euro zusammen. [amtlich/journalistisch] Bundesnetzagentur, referiert in Deutsche Handwerks Zeitung, „PV-Besitzer sollen ab 2029 mehr fürs Stromnetz zahlen“ (Mai 2026). Link.

[6] Teil der von der Bundesnetzagentur festgelegten Erlösobergrenze ist eine kalkulatorische Eigenkapitalverzinsung, die über die Netzentgelte von den Netznutzern getragen wird. Im Streit um die Höhe dieser Verzinsung bestätigte der Bundesgerichtshof am 19. Dezember 2024 die Bundesnetzagentur gegen die klagenden Netzbetreiber (u. a. E.ON); der Verbraucherzentrale Bundesverband hatte sich gegen eine Erhöhung ausgesprochen. [amtlich/verifiziert] beck-aktuell, „Eigenkapitalzinssätze der Stromnetzbetreiber: BGH bestätigt Bundesnetzagentur“; vzbv-Stellungnahme. Link.

[7] E.ON hat sich nach der Neuordnung mit RWE (2016–2019) fast vollständig auf das regulierte Netz- und Kundengeschäft konzentriert. Das Netzgeschäft ist nach Unternehmensangaben der stabilste Ergebnisbeitrag; von den bis 2028 geplanten Investitionen (rund 42 Mrd. Euro) entfallen etwa 34 Mrd. Euro auf das Netz. [verifiziert/journalistisch, gestützt auf Geschäftsbericht] IWR, „Halbjahres-Bilanz 2024: Eon fordert höhere Renditen für Investitionen in den Netzausbau“; ad-hoc-news zum Geschäftsbericht 2024. Link.

[8] Bei Netzengpässen zwischen Nord und Süd müssen Netzbetreiber Erzeugung im Norden drosseln und im Süden hochfahren („Redispatch“). Diese Maßnahmen kosteten 2025 rund 3,06 Milliarden Euro, getragen über die Netzentgelte. [journalistisch] Verbraucher.Online, „Netzentgeltreform: PV-Grundpreis ab 2029“ (Juni 2026). Link.

[9] Die Bundesnetzagentur bestätigte am 1. März 2024 den Netzentwicklungsplan Strom 2023–2037/2045: rund 4.800 km neue Leitungen, ca. 2.500 km Verstärkung bestehender Verbindungen, fünf neue Höchstspannungs-Gleichstrom-Übertragungsverbindungen (je 2 GW) sowie 35 Offshore-Anbindungsvorhaben (bis zu 70 GW). Die Pressemitteilung nennt den physischen Ausbaubedarf, keine Kostenzahl. [amtlich] Bundesnetzagentur, Pressemitteilung vom 1. März 2024. Link.

[10] Den Investitionsbedarf für den bedarfsgerechten Netzausbau beziffert das Bundeswirtschaftsministerium nach aktuellen Planungen auf rund 360 bis 440 Milliarden Euro bis 2045. Die Spanne ergibt sich u. a. aus noch offenen Ausführungsentscheidungen (siehe folgende Fußnoten). [amtlich] BMWE, „Vertragsunterzeichnung zum Einstieg des Bundes bei TenneT Germany“ (April 2026). Link.

[11] Bei den großen Gleichstromverbindungen (HGÜ) liegen die Kosten einer Erdverkabelung nach Angaben der Netzbetreiber um den Faktor 4 bis 8 über denen einer Freileitung (andere Schätzungen: 3- bis 5-fach). [verifiziert] Elektroniknet, „Erdkabel sind vier- bis achtmal teurer als Freileitungen“ (Angabe TenneT-Planung SuedLink). Link.

[12] Mit der Änderung des Bundesbedarfsplangesetzes im Dezember 2015 sind die großen Gleichstromtrassen (HGÜ) grundsätzlich als Erdkabel zu errichten (§ 3 BBPlG), um eine „breite Akzeptanz der Bürgerinnen und Bürger“ zu erreichen; Freileitung nur noch ausnahmsweise. [amtlich] Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages, WD-5-136-24, „SuedLink: Kosten des Übertragungsnetzes“. Link.

[13] 2026 strebte die Politik teilweise eine Rückkehr zum Freileitungsbau an, um Kosten und Bauzeit zu senken. Eine Studie von Frontier Economics (im Auftrag der Kabelhersteller NKT und Prysmian) warnte, ein Wechsel von Erdkabel zu Freileitung beim Projekt SuedWestLink koste Jahre und Milliarden; die Bundesnetzagentur bezeichnete die Kostenberechnungen als nicht verallgemeinerungsfähig. [journalistisch/interessengeleitet – Auftraggeber sind Kabelhersteller; als solches gekennzeichnet] zfk, „Erdkabel versus Freileitung: Studie warnt vor Milliarden“ (April 2026). Link.

[14] Die Bundesnetzagentur plant im Rahmen der Reform der Netzentgeltsystematik (Projekt AgNes), Haushalte mit eigener Erzeugungsanlage ab 2029 über einen höheren Grundpreis stärker an den Netzkosten zu beteiligen – voraussichtlich unter 100 Euro im Jahr, regional unterschiedlich; Balkonkraftwerke ausgenommen. Begründung: Eigenerzeuger nutzen das Netz weiter, tragen aber weniger zu seinen Kosten bei, während es in gleicher Größe vorgehalten werden muss. [amtlich/journalistisch] Deutsche Handwerks Zeitung (Mai 2026); ZDF heute (Mai 2025). Link.


Stand: August 2026
Die Geometrie des Stillstands

Die Geometrie des Stillstands

Die Analyse zum Weiterlesen – jetzt als E-Book bei Amazon

Bei Amazon ansehen

📱 Bleiben Sie informiert: Mein WhatsApp-Kanal

Kommentare