Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einem gewaltigen Bauwerk, dem „Haus der Generationen“. Es wurde 1957 massiv umgebaut, weg vom privaten Spartopf, hin zum solidarischen Teilen. Das Fundament ist der „Generationenvertrag“: Die Jungen tragen die Alten, in der Hoffnung, später selbst getragen zu werden.
Doch wer heute zwischen 20 und 50 Jahre alt ist, blickt mit einer Mischung aus Skepsis und Galgenhumor auf dieses Gebäude. Man erinnert sich an Norbert Blüm, der 1986 mit dem Pinsel in der Hand plakatierte: „Die Rente ist sicher“. Ein Satz, der technisch stimmte – irgendwas wird immer gezahlt –, den wir aber alle als „Du wirst im Alter gut leben können“ missverstanden haben.
Wenn wir das Haus betreten, bemerken wir schnell: Es gibt drei Stockwerke, und die Aufzüge funktionieren sehr unterschiedlich.
Das Erdgeschoss: Die Punktesammler (Arbeitnehmer)
Hier herrscht emsiges Treiben. Fast 80 Millionen Menschen werden hier unter dem Dach der Deutschen Rentenversicherung hocheffizient verwaltet – 21,5 Millionen aktuelle Rentner und knapp 59 Millionen Versicherte. Wer hier wohnt, muss für alles selbst bezahlen: 18,6 % des Bruttolohns fließen monatlich in den Topf. Das Ziel sind „Entgeltpunkte“.
Doch die Hürde wird immer höher: 2025 muss man stolze 50.493 Euro verdienen, um einen einzigen Punkt zu ergattern – ein Plus von über 11 % zum Vorjahr. Wer weniger verdient oder keine saftige Gehaltserhöhung bekommt, sammelt faktisch weniger Ansprüche als zuvor. Besonders perfide: Steuerfreie Zuschläge für Nachtarbeit lassen das Netto heute glänzen, zählen aber nicht für die Rente. Wer ein Leben lang zum Mindestlohn schuftet, landet am Ende bei einer Bruttorente von etwa 1.000 Euro – oft weniger als das soziale Existenzminimum.
Die Beletage: Der Behörden-Dschungel (Beamte)
Ein Stockwerk höher wird es skurril. Hier wohnen die rund 3,6 Millionen aktiven und pensionierten Staatsdiener. Obwohl diese Gruppe winzig ist im Vergleich zum Erdgeschoss, leistet sich der Staat für sie eine „gigantische Bürokratie-Maschine“. Während für 80 Millionen Renten-Versicherte eine zentrale Institution genügt, wird die Beletage von mindestens 66 eigenständigen Behörden verwaltet: 5 auf Bundesebene, 16 Landesämter und stolze 45 kommunale sowie kirchliche Versorgungskassen. Jede mit eigener IT, eigenem Vorstand und eigenem Wasserkopf.
Finanziell herrscht hier das Prinzip „Alimentation“: Der Dienstherr verspricht eine lebenslange Versorgung von bis zu 71,75 % des letzten Gehalts. Ein Beamte erreicht bereits nach fünf Jahren Dienst eine Mindestversorgung von rund 1.800 Euro brutto. Ein Maurer im Erdgeschoss müsste dafür 45 Jahre lang überdurchschnittlich verdienen.
Die VIP-Lounge: Der Turbo-Ruhestand (Abgeordnete & Piloten)
Ganz oben, unter der Glaskuppel, sitzen jene, die die Regeln machen. Ein Mandatsjahr im Bundestag bringt Rentenansprüche von rund 295 Euro monatlich – ein Durchschnittsverdiener muss dafür sieben Jahre schuften. Zwar stieg das Rentenalter auch hier auf 67, doch für „Altfälle“ (Eintritt vor 2017) bleibt das Hintertürchen zur abschlagsfreien Rente mit 57 offen.
Noch früher geht es nur im Hangar zu: Jetpiloten dürfen mit 41 Jahren in den Ruhestand (§ 45 Soldatengesetz). Während der Dachdecker mit kaputten Knien bis 67 auf den Ziegeln stehen soll, wird beim Piloten der kognitive Abbau und die 9G-Belastung anerkannt. Das Privileg wird versüßt durch einen Pensionszuschlag von bis zu 16,86 % und eine Einmalzahlung von ca. 4.091 Euro. Dass viele danach hochbezahlt in der Privatwirtschaft weiterarbeiten, während sie ihre Pension beziehen, ist systemisch gewollt.
Die große Verschleierungstaktik
Oft hören wir, der Staat müsse die Rente mit Milliarden „stützen“. In Wahrheit ist es eine Rückzahlung für den „sozialen Verschiebebahnhof“. Der Staat entnimmt der Rentenkasse Geld für gesamtgesellschaftliche Aufgaben (z. B. Mütterrente, Ost-Renten-Angleichung). Allein 2023 zahlte die Kasse 124 Milliarden Euro für solche Leistungen, erhielt aber nur 84 Milliarden vom Bund zurück. Die Differenz von 40 Milliarden Euro zahlten die Arbeitnehmer aus ihren Beiträgen – eine verdeckte Steuer auf Arbeit.
Die moralische Gretchenfrage
Warum wird das Rentenalter für den Maurer erhöht, während in Staatsdiensten Privilegien für Jetpiloten (41), Sanitätsoffiziere (55) oder Abgeordnete (Option 57) bestehen bleiben? Sind bestimmte Gruppen von Natur aus „wertvoller“? Wenn der Staat festlegt, dass ein Staatsdiener mindestens 1.800 Euro zum Leben braucht, warum gilt das nicht für die Krankenschwester?
Die Rente wäre vielleicht wirklich sicher, wenn alle – vom Kanzler bis zum Kassierer – im selben Boot säßen. Denn wenn die Entscheider selbst von ihren Reformen betroffen wären und nicht hinter 66 spezialisierten Behördenmauern residierten, sähen die Lösungen vermutlich sehr schnell sehr anders aus.

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