Über zu viel Bürokratie und ihre Kosten ist an anderer Stelle hier im Blog schon geschrieben worden. Dieser Beitrag stellt eine andere, selten gestellte Frage: Wenn der administrative Aufwand seit Jahren wächst, obwohl alle ihn abbauen wollen – wer verdient eigentlich daran? Denn jede Vorschrift, die einen Nachweis verlangt, schafft auf der anderen Seite einen Markt für die, die diesen Nachweis ausstellen. Die Antwort führt zu einer Branche, die im Schatten der Regulierungsdebatte gewachsen ist – und zu einer Einordnung, die differenzierter ausfällt als das Bild vom „heimlichen Profiteur".
Die Ausgangslage: mehr Regeln, mehr Nachweise
Dass die Regeldichte wächst, ist belegt: Auf Bundesebene existieren inzwischen rund 52.000 Einzelnormen in Gesetzen, ein Anstieg von knapp 20 Prozent in zehn Jahren; rechnet man die Rechtsverordnungen hinzu, kommt man auf nahezu 100.000 Vorschriften – Landes-, Kommunal- und EU-Recht noch nicht eingerechnet.1 Der vom Normenkontrollrat gemessene jährliche Erfüllungsaufwand für Bürger, Wirtschaft und Verwaltung lag zuletzt bei rund 27 Milliarden Euro, der größte Teil davon bei der Wirtschaft.2
Entscheidend für diesen Beitrag ist ein Mechanismus dahinter: Viele dieser Vorschriften ersetzen Vertrauen durch Nachweis – und staatliche Aufsicht durch private Prüfung. Wo früher eine Behörde stichprobenartig kontrollierte oder schlicht vertraut wurde, verlangt der Gesetzgeber heute oft ein Zertifikat, ein Audit, eine Konformitätsbewertung. Das schafft systematisch Nachfrage nach Prüfdienstleistungen.
Die Profiteure: die Prüf- und Zertifizierungsbranche
Diese Nachfrage bedient die sogenannte TIC-Branche (Testing, Inspection, Certification) – in Deutschland vor allem die bekannten Prüforganisationen. Ihre Umsätze sind über die Jahre deutlich gewachsen: TÜV SÜD steigerte den Umsatz 2024 um gut 9 Prozent auf rund 3,4 Milliarden Euro, DEKRA liegt in der Größenordnung von gut 4 Milliarden, und der weltweite TIC-Markt wird je nach Abgrenzung auf eine Größenordnung von rund 100 Milliarden Euro und mehr geschätzt.3 Jede neue Verordnung – zur Nachhaltigkeitsberichterstattung, zur IT-Sicherheit, zu Wasserstoff – eröffnet diesen Firmen zusätzliche Geschäftsfelder. Insofern stimmt die Grundbeobachtung: Was für Unternehmen Aufwand ist, ist für die Prüfbranche Umsatz.
Hier ist allerdings die Einordnung wichtig, die das Bild vom „heimlichen Profiteur" geraderückt – sonst wird aus einer Beobachtung eine unfaire Unterstellung. Erstens erwirtschaften diese Organisationen einen großen Teil ihres Umsatzes international und mit klassischem Kerngeschäft wie der Fahrzeug-Hauptuntersuchung und industrieller Sicherheitsprüfung – nicht primär mit deutscher Bürokratie. Zweitens, und wichtiger: Ein erheblicher Teil dieser Prüfungen erfüllt eine echte Schutzfunktion. Ein geprüfter Aufzug, ein zertifizierter Druckbehälter, eine kontrollierte Brandschutzanlage – das ist kein „Regelwahn", sondern verhindert reale Schäden. Die Prüfbranche ist also nicht per se ein Auswuchs, sondern in weiten Teilen eine sinnvolle Institution. Drittens gibt es keinen Beleg, dass diese Unternehmen das Regelwachstum aktiv betreiben; sie reagieren auf eine Nachfrage, die die Politik schafft. Der Profiteur einer Entwicklung ist nicht automatisch ihr Verursacher.
Die faire Formulierung lautet deshalb: Die TIC-Branche ist Nutznießerin der Regulierungsdynamik, aber weder ihr heimlicher Drahtzieher noch ein bloßer Schmarotzer. Das eigentliche Problem liegt nicht bei denen, die prüfen, sondern bei einem Gesetzgeber, der Vertrauen zu selten als Option in Betracht zieht.
Der Engpass ist oft die Zeit, nicht das Geld
Für Bürger und Mittelstand schlägt der Aufwand häufig weniger als Geldbetrag denn als Wartezeit zu Buche. Ein anschauliches Beispiel ist das Bauen: Die Dauer von der Genehmigung bis zur Fertigstellung ist über die Jahre gestiegen, und 2024 erloschen rund 29.000 erteilte Baugenehmigungen ungenutzt – ein Höchstwert seit Langem.4 Dahinter steht oft nicht fehlendes Geld, sondern fehlendes Personal in Ämtern und Prüfstellen, das mit der wachsenden Datenmenge nicht Schritt hält. Die neue Nachhaltigkeitsberichterstattung etwa verlangt die Erfassung sehr vieler Einzelwerte – Aufwand, der gerade kleine Betriebe ohne eigene Fachabteilung trifft.5
Hier zeigt sich das Muster, das auch die anderen Beiträge zum Thema durchzieht: Der Aufwand bindet Menschen, die dokumentieren, statt zu produzieren. Ein großer Teil der Bürokratiekosten der Wirtschaft sind Personalkosten – Arbeitszeit, die in Nachweise statt in Wertschöpfung fließt.
Der europäische Anteil
Ein erheblicher Teil der Belastung – Schätzungen reichen von gut der Hälfte bis zu rund zwei Dritteln – stammt aus EU-Vorgaben.6 Verschärft wird das durch „Gold-Plating": Nationale Ministerien legen bei der Umsetzung europäischer Richtlinien gern noch eigene Anforderungen obenauf. Das begrenzt den nationalen Spielraum für Entlastung erheblich und erklärt, warum Instrumente wie „One in, one out" zu kurz greifen, wenn sie EU-Lasten ausklammern. Das ist kein Argument gegen die EU – gemeinsame Standards haben einen Binnenmarktnutzen –, aber es verschiebt die Verantwortung dahin, wo sie oft übersehen wird.
Was bleibt
Die Beobachtung trägt: Im Schatten der Regulierung ist eine Prüf- und Zertifizierungsökonomie gewachsen, die von der Nachweispflicht lebt. Aber die ehrliche Deutung ist nicht die Empörung über „Profiteure", sondern die nüchterne Einsicht in einen Mechanismus: Jedes Mal, wenn die Politik Vertrauen durch einen verpflichtenden Nachweis ersetzt, schafft sie Aufwand auf der einen und einen Markt auf der anderen Seite. Die Prüfbranche füllt diesen Markt – häufig mit sinnvollen, sicherheitsrelevanten Leistungen, manchmal mit reiner Dokumentation ohne erkennbaren Mehrwert.
Die unbequeme Schlussfolgerung richtet sich deshalb nicht gegen TÜV oder DEKRA, sondern an den Gesetzgeber: Solange jede Krise und jeder Einzelfall mit einer neuen Nachweispflicht beantwortet wird, wächst der Aufwand weiter – und mit ihm der Markt für seine Verwaltung. Der Hebel liegt nicht darin, die Prüfer zu schelten, sondern darin, häufiger zu fragen, ob eine Pflicht ihren Aufwand wert ist und wo Vertrauen und Stichprobe genügen würden. Das ist mühsamer als ein neues Zertifikat – aber es ist der einzige Weg, der den Aufwuchs an der Wurzel bremst, statt nur seine Symptome zu verwalten.
Fußnoten
1 Bundesebene Anfang 2024: rund 52.468 Einzelnormen in Gesetzen (2015: 44.522, +rund 18 %); zusammen mit Rechtsverordnungen nahezu 100.000 Vorschriften. Landes-, Kommunal- und EU-Recht nicht eingerechnet. Zahlen aus der Bundesrechtsdatenbank, Größenordnung.
2 Nationaler Normenkontrollrat (Jahresbericht 2024): jährlicher Erfüllungsaufwand für Bürger, Wirtschaft und Verwaltung rund 27,1 Mrd. €, davon der größte Teil bei der Wirtschaft (rund 14 Mrd. € laufend). Daneben direkte Bürokratiekosten der Wirtschaft rund 64–65 Mrd. €.
3 TÜV SÜD 2024: Umsatz 3,429 Mrd. € (+9,2 %), Segmente Industry/Mobility/Certification je rund 1,1 Mrd. €. – TÜV SÜD. DEKRA in der Größenordnung von gut 4 Mrd. €. Weltweiter TIC-Markt je nach Abgrenzung rund 100 Mrd. € (TÜV SÜD) bis deutlich höher in weiter gefassten Marktstudien.
4 2024 erloschen rund 29.000 erteilte, aber ungenutzte Baugenehmigungen (Höchstwert seit Langem); steigende Dauer von Genehmigung bis Fertigstellung. Größenordnung; Werte schwanken je nach Quelle und Stichjahr.
5 Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD): Erfassung sehr vieler Einzelkennzahlen; besonders belastend für KMU ohne eigene Compliance-Abteilung.
6 Anteil EU-bedingter Belastung: Schätzungen von gut der Hälfte (Bundestagsangabe rund 57 %) bis rund zwei Drittel. „Gold-Plating" = zusätzliche nationale Anforderungen bei der Umsetzung von EU-Richtlinien. Vgl. die Bürokratie-Analysen hier im Blog.
Stand: Juni 2026
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