Es ist ein Bild von zwei Welten. Auf der einen Seite stehen der Flughafen BER und das Projekt Stuttgart 21 – Namen, die längst als Synonyme für Milliardenlöcher und Planungschaos in den deutschen Sprachschatz eingegangen sind. Auf der anderen Seite wächst im Süden Frankfurts das Terminal 3 fast geräuschlos, im Zeitplan und im Budget in die Höhe. Der Unterschied liegt nicht im Beton, sondern in den Köpfen: Es ist das Duell zwischen prestigegeschwängerter Politik und nüchterner Professionalität.
Die „unbewusste Projektlüge“ der Politik Das fundamentale Problem beginnt oft schon vor dem ersten Spatenstich. Experten sprechen von der „unbewussten Projektlüge“: Um ein Großvorhaben politisch durchzusetzen, werden Kosten kleingerechnet und Risiken ignoriert. Prestigemäßig getriebene Akteure setzen auf das „beste Szenario“ statt auf die Realität, nur um den glanzvollen Startschuss vor Kameras feiern zu können.
Dabei offenbart sich ein gefährliches Qualifikationsdefizit. In den Aufsichtsräten staatlicher Projekte sitzen oft Spitzenpolitiker und Beamte, denen jede bautechnische Expertise fehlt. Sie sind oft nicht in der Lage, komplexe Fehlentwicklungen rechtzeitig zu erkennen oder fachlich fundiert zu stoppen.
Ignoranz als System: Wenn Prüfer zu Rufern in der Wüste werden Besonders brisant ist, dass dieses Scheitern oft mit Ansage geschah. Der Bundesrechnungshof (BRH) fungierte bei beiden Projekten als Mahner, wurde jedoch konsequent überhört.
Beim BER meldete der BRH bereits Ende der 1990er-Jahre massive Zweifel an. Die Prüfer kritisierten eine falsche Bedarfsberechnung und erklärten das Projekt für überdimensioniert. Als die Politik 2003 beschloss, den Flughafen nach gescheiterter Privatisierung in Eigenregie zu bauen, warnte der BRH vergeblich vor den immensen Risiken dieser Bauherren-Rolle.
Bei Stuttgart 21 prophezeite der BRH bereits im Jahr 2008 – zwei Jahre vor Baubeginn – eine Kostenexplosion auf mindestens 5,3 Milliarden Euro, während die Politik noch an der 3,1-Milliarden-Marke festhielt. Die Prüfer rügten die Wirtschaftlichkeitsrechnungen der Bahn als „unsolide“ und warnten vor der Unterschätzung geologischer Risiken. Die Antwort der Politik war oft die Zurückweisung dieser Gutachten, um die Projekte mit Gewalt durchzudrücken.
Macht ohne Haftung Während Vorstände in der Privatwirtschaft persönlich für grobe Fehler haften können, entziehen sich Politiker bei staatlichen Debakeln meist jeder Konsequenz. Scheitert ein Projekt, werden Verantwortlichkeiten zwischen Bund, Land und Kommunen verschoben. Die Zeche zahlt der Steuerzahler, während die politischen Initiatoren oft genau wissen, dass sie persönlich nicht zur Rechenschaft gezogen werden.
Das Frankfurter Gegenmodell: Professionalität statt Prestige Das Terminal 3 am Frankfurter Flughafen beweist, dass es anders geht. Hier steuert kein politisches Gremium, sondern mit der FAS GmbH eine Organisation aus Fachleuten.
Modulare Planung: Statt eines starren Gesamtsystems ist Terminal 3 modular aufgebaut. Teile können unabhängig fertiggestellt werden.
Klare Hierarchien: Ein straffes Management durch Profis wie Drees & Sommer sorgt für Kontrolle.
Risikokultur: Probleme werden operativ gelöst, statt sie politisch zu beschönigen.
Fazit: Wie der Staat die Kurve kriegen könnte Damit Großprojekte künftig nicht mehr als Mahnmale enden, muss der Staat umdenken: Politikverbot in Aufsichtsräten zugunsten von Experten , persönliche Haftung für Fehlentscheidungen und ein gesetzliches Verbot des Baubeginns ohne fertige Ausführungsplanung. Deutschland kann Großprojekte – wenn man die Profis arbeiten lässt.
Anhang: Personal-Tableaus der Macht – Wer steuerte das Chaos?
Die folgende Auflistung zeigt die Besetzung der zentralen Gremien. Auffallend ist die Dominanz juristischer oder geisteswissenschaftlicher Hintergründe bei gleichzeitigem Fehlen von Bauingenieur-Expertise.
Flughafen Berlin Brandenburg (Aufsichtsrat)
Klaus Wowereit (SPD): Ehem. Regierender Bürgermeister Berlin; Rechtsanwalt.
Matthias Platzeck (SPD): Ehem. Ministerpräsident Brandenburg; Dipl.-Ing. Biomedizinische Kybernetik.
Michael Müller (SPD): Ehem. Regierender Bürgermeister Berlin; Drucker und Diplom-Kaufmann.
Frank Henkel (CDU): Ehem. Innensenator Berlin; Diplom-Kaufmann.
Matthias Kollatz (SPD): Ehem. Finanzsenator Berlin; Physiker und Volkswirt (Dr.-Ing. physik. Ingenieurwissenschaft).
Christian Görke (Die Linke): Ehem. Finanzminister Brandenburg; Diplom-Lehrer für Geschichte/Sport.
Peter Ramsauer (CSU): Ehem. Bundesverkehrsminister; Müllermeister und Diplom-Kaufmann.
Alexander Dobrindt (CSU): Ehem. Bundesverkehrsminister; Diplom-Soziologe.
Werner Gatzer (parteilos/SPD-nah): Ehem. Staatssekretär Bundesfinanzministerium; Jurist.
Dietmar Woidke (SPD): Ministerpräsident Brandenburg; Diplom-Agraringenieur.
Stuttgart 21 (Lenkungskreis & politische Hauptverantwortung)
Günther Oettinger (CDU): Ehem. Ministerpräsident BW; Rechtsanwalt.
Stefan Mappus (CDU): Ehem. Ministerpräsident BW; Diplom-Ökonom.
Winfried Hermann (Grüne): Verkehrsminister BW; Lehrer für Deutsch/Politik/Sport.
Tanja Gönner (CDU): Ehem. Umwelt- und Verkehrsministerin BW; Rechtsanwältin.
Wolfgang Schuster (CDU): Ehem. Oberbürgermeister Stuttgart; Jurist.
Fritz Kuhn (Grüne): Ehem. Oberbürgermeister Stuttgart; Linguist.
Thomas Bopp (CDU): Ehem. Vors. Verband Region Stuttgart; Diplom-Ingenieur Architektur.
Nils Schmid (SPD): Ehem. Finanz- und Wirtschaftsminister BW; Jurist.
Frank Nopper (CDU): Oberbürgermeister Stuttgart; Jurist.
Winfried Kretschmann (Grüne): Ministerpräsident BW; Lehrer für Biologie/Chemie.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen
Ich freue mich über sachliche Kommentare