Über Vermögensverteilung wird oft mit Durchschnittswerten gestritten – und die führen in die Irre. Dieser Beitrag, der zweite zur Verteilungsrealität, schaut deshalb genauer hin: Wie ist das private Vermögen in Deutschland tatsächlich verteilt, was sagen die belastbaren Zahlen der Bundesbank, und welche berechtigten Einwände gibt es gegen die gängige Ungleichheitserzählung? Das Ziel ist ein ehrliches Bild, das weder dramatisiert noch beschönigt.
Warum der Durchschnitt täuscht
Ein Gedankenexperiment macht das Problem anschaulich: Sitzen zehn Menschen mit je 10.000 Euro Vermögen in einer Kneipe, beträgt das Durchschnittsvermögen 10.000 Euro. Betritt ein Milliardär den Raum, schnellt der Durchschnitt auf viele Millionen pro Kopf – obwohl sich am Vermögen der ursprünglichen zehn nichts geändert hat. Der Median, der Wert der Person genau in der Mitte, bleibt bei 10.000 Euro. Er beschreibt die Lebensrealität der Mitte, während der Durchschnitt von der Spitze nach oben verzerrt wird.
Genau diese Lücke zeigt sich in Deutschland. Nach der Vermögensbefragung der Bundesbank (PHF) lag 2023 das durchschnittliche Nettovermögen der Haushalte bei 324.800 Euro – das mittlere (Median) aber nur bei 103.200 Euro.1 Der Durchschnitt ist also mehr als dreimal so hoch wie das, was der typische Haushalt in der Mitte besitzt. Diese Differenz ist das mathematische Spiegelbild einer ausgeprägten Vermögenskonzentration.
Die Konzentration in Zahlen
Der Gini-Koeffizient – 0 bedeutet vollkommene Gleichverteilung, 1 die Konzentration auf eine Person – liegt für das deutsche Nettovermögen bei rund 0,72 in den reinen Befragungsdaten; in der verteilungsbasierten Vermögensbilanz für den Euroraum, die hohe Vermögen ergänzend hochrechnet, weist die Bundesbank für Deutschland gut 0,76 aus.2 Beide Werte zeigen dasselbe: Deutschland gehört bei der Vermögensungleichheit zu den am stärksten konzentrierten Ländern der Eurozone. Wichtig für ein ehrliches Bild ist allerdings, dass die Ungleichheit nicht zunimmt: Der Gini ist seit 2014 leicht rückläufig (2010 noch 0,76), und der Anteil der unteren Hälfte stieg geringfügig von rund 2 auf 2,4 Prozent.3
Die Spitze besitzt dennoch viel: Die reichsten 10 Prozent halten je nach Berechnung zwischen 54 Prozent (reine Umfragedaten) und deutlich mehr, wenn man über Reichenlisten die schwer erfassbaren Top-Vermögen hinzuschätzt. Um zum obersten Zehntel zu gehören, war 2023 ein Nettovermögen von rund 780.000 Euro nötig.4 Am anderen Ende besitzt die vermögensärmere Hälfte der Haushalte zusammen nur gut 2 Prozent des Gesamtvermögens. Besonders konzentriert ist das Betriebsvermögen: Unternehmensanteile liegen ganz überwiegend bei den oberen Vermögensgruppen – was ökonomisch nachvollziehbar ist, aber die Konzentration bei den produktiven Vermögen verstärkt.
Die wichtigsten Einwände – fair dargestellt
Gegen die reine Sach- und Geldvermögens-Betrachtung gibt es zwei gewichtige Einwände, die das Bild relativieren – und die in der Ungleichheitsdebatte oft zu kurz kommen.
Der erste betrifft die Rentenansprüche. Die Vermögensstatistiken der Notenbanken erfassen Ansprüche aus der gesetzlichen Rente und aus Pensionen nicht. Das verzerrt das Bild erheblich, denn in Deutschland mit seinem stark umlagefinanzierten System erwerben breite Schichten über ihr Arbeitsleben Rentenanwartschaften, die kapitalisiert mehrere hunderttausend Euro wert sein können. Rechnet man diese Ansprüche dem Vermögen hinzu, sinkt die gemessene Ungleichheit deutlich – Schätzungen gehen von einem Rückgang des Gini in die Größenordnung von 0,5 aus, und der Anteil der unteren Hälfte steigt spürbar.5 Das ist kein Randdetail: Wer in Deutschland wenig Geldvermögen hat, ist oft nicht „vermögenslos", sondern hält seine Alterssicherung in Form von Rentenansprüchen statt in Aktien oder Immobilien. Der internationale Vergleich hinkt deshalb, weil Länder mit kapitalgedeckter Rente dieses Vermögen in der Statistik sichtbar haben, Deutschland nicht.
Der zweite Einwand betrifft die Entstehung von Vermögen. Es fällt in der Regel nicht leistungslos an, sondern entsteht durch Konsumverzicht – wer spart, verzichtet heute zugunsten von morgen – und durch das Eingehen von Investitionsrisiken. Das gilt nicht für ererbtes Vermögen, aber für einen erheblichen Teil der selbst gebildeten Ersparnis. Wer Vermögen pauschal als ungerecht brandmarkt, übersieht diesen Teil.
Beide Einwände entkräften die Grundtatsache nicht – die Vermögenskonzentration in Deutschland ist real und hoch –, aber sie verbieten die einfachste Lesart. Die ehrliche Formulierung lautet: Die Ungleichheit der frei verfügbaren Vermögen ist groß; bezieht man die Alterssicherung ein, fällt sie deutlich moderater aus.
Was bleibt
Das Vermögen ist in Deutschland deutlich ungleicher verteilt als das Einkommen, und es ist im europäischen Vergleich stark konzentriert – das ist der belastbare Kern. Zugleich gilt: Die Ungleichheit wächst nicht, sondern geht leicht zurück, und ein erheblicher Teil der scheinbaren Vermögenslosigkeit der unteren Hälfte löst sich auf, sobald man die Rentenansprüche einrechnet, die in Deutschland die Alterssicherung der Mehrheit tragen.
Die ehrliche Schlussfolgerung ist deshalb differenziert: Wer aus der Vermögenskonzentration politische Forderungen ableitet – etwa eine Vermögensteuer, wie in einem anderen Beitrag hier diskutiert –, sollte die Zahlen in ihrer ganzen Komplexität nennen, nicht nur den dramatischsten Wert. Die hohe Konzentration der frei verfügbaren Vermögen ist ein reales Thema, gerade mit Blick auf wirtschaftliche Macht und Chancengleichheit. Aber die Erzählung von der „vermögenslosen Hälfte" ist eine statistische Verkürzung, die das deutsche Alterssicherungssystem ausblendet. Beide Wahrheiten gehören in eine seriöse Debatte – und nur wer beide nennt, wird ernst genommen.
Fußnoten
1 Deutsche Bundesbank, PHF-Studie 2023 (veröffentlicht April 2025): durchschnittliches Nettovermögen 324.800 €, Median nominal 103.200 € (inflationsbereinigt von 90.500 € 2021 auf 76.000 € 2023 gesunken). Erfasst Sach- und Finanzvermögen abzüglich Schulden; Renten-/Pensionsansprüche nicht enthalten.
2 Gini-Koeffizient Nettovermögen: rund 0,72 in den PHF-Befragungsdaten 2023; „gut 0,76" in der verteilungsbasierten Vermögensbilanz für den Euroraum (mit ergänzender Hochrechnung hoher Vermögen). Euroraum-Spanne 0,57–0,77; Deutschland am oberen Rand.
3 Zeitliche Entwicklung: Gini seit 2014 leicht rückläufig (2010: 0,76 → 2023: 0,72), Verhältnis P90/Median von 8,6 auf 7,6 gesunken; Anteil der vermögensärmeren Hälfte am Gesamtvermögen von rund 2 % (2011) auf rund 2,4 % (2023) gestiegen. – Bundesbank PHF 2023
4 Anteil der oberen 10 % am Nettovermögen: 54 % in den reinen PHF-Daten; höher (Schätzungen bis rund zwei Drittel) bei Einbeziehung von Reichenlisten zur Erfassung hochvermögender Haushalte (SOEP-P-Verfahren ergibt Gini bis 0,81–0,83). Eintrittsschwelle oberstes Dezil 2023 rund 780.000 €; oberste 5 % über 1,2 Mio. €.
5 Einrechnung kapitalisierter Renten-/Pensionsansprüche senkt die gemessene Vermögensungleichheit deutlich (Größenordnung Gini in Richtung 0,5; genauer Wert je nach Annahmen und Studie). Hintergrund: stark umlagefinanziertes deutsches Rentensystem, dessen Ansprüche in der Vermögensstatistik nicht als Vermögen erscheinen.
6 Methodik und vollständige Daten: Deutsche Bundesbank, „Vermögen und Finanzen privater Haushalte in Deutschland: Ergebnisse der Vermögensbefragung 2023".
Stand: Juni 2026
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