Stellen Sie sich vor, Sie nehmen einen Kredit über 50.000 Euro auf. Der Zweck ist so vernünftig wie zukunftsorientiert: Sie wollen zusätzlich eine hocheffiziente Wärmepumpe einbauen und die Fassade dämmen. Die Rechnung geht auf: Durch die enorme Ersparnis bei den Heizkosten soll sich der Kredit über die Jahre quasi von selbst abbezahlen. Ihre Familie freut sich auf ein warmes, effizientes Zuhause.
Doch am Ende des Jahres ziehen die Fenster immer noch, und die Heizkostenrechnung ist so hoch wie eh und je. Was ist passiert? Sie haben das Kreditgeld zwar formal für die Dämmung genutzt, aber das Geld, das Sie eigentlich schon mühsam im normalen Haushaltsbudget für die Instandhaltung beiseitegelegt hatten, haben Sie kurzerhand für eine luxuriöse Weltreise und teure Geschenke ausgegeben. Unter dem Strich ist am Haus kaum etwas passiert – Sie haben lediglich Ihren aktuellen Konsum auf Pump finanziert und die Tilgung für eine Investition, die keine Ersparnis bringt, Ihren Kindern aufgebürdet.
Genau das ist die Geschichte des deutschen „Sondervermögens Infrastruktur und Klimaneutralität“ (SVIK) im Jahr 2026.
Erster Akt: Der 500-Milliarden-Goldrausch
Um dieses gigantische Paket zu schnüren, musste im März 2025 sogar das Grundgesetz geändert werden. 500 Milliarden Euro – eine Zahl mit elf Nullen – klingen nach einem Befreiungsschlag für ein Land, in dem im Januar 2026 nur noch jeder zweite Fernzug pünktlich ankommt.
Das Geld ist in drei Säulen aufgeteilt: 300 Milliarden für den Bund, 100 Milliarden für den Klimafonds und 100 Milliarden für die Kommunen. Ein Modernisierungsschub, wie ihn Deutschland noch nie gesehen hat. Doch während die Werbetrommel der Politik laut rührt, flüstern die Haushaltsexperten von einem „fiskalischen Verschiebebahnhof“.
Was sie damit meinen? Die Regierung hat versprochen, dass diese Milliarden zusätzlich fließen. Die Realität sieht jedoch so aus: Für die Deutsche Bahn werden zwar 18,8 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen bereitgestellt, aber gleichzeitig kürzt der Bund die regulären Mittel im Kernhaushalt um fast 14 Milliarden Euro. Unter dem Strich wird also oft nur das Loch gestopft, das man zuvor selbst gegraben hat. Fast die Hälfte der Mittel des Sondervermögens wird laut Analysen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) nicht für zusätzliche Investitionen genutzt, sondern ersetzt lediglich bestehende Verpflichtungen.
Zweiter Akt: Konsum auf Pump
Die durch diesen Trick freiwerdenden Gelder im Kernhaushalt fließen nicht etwa in neue Gleise, sondern in den Sozialkonsum. Ein Beispiel ist die Mütterrente III. Ein politisches Prestigeprojekt, das ab 2027 rund 5 Milliarden Euro jährlich kosten wird – mit einer Gesamtrechnung von etwa 60 Milliarden Euro bis zum Jahr 2040.
Hier liegt die Ironie: Wir nehmen Kredite für „Infrastruktur“ auf, nutzen sie aber indirekt für Rentenversprechen, während wir die Tilgung der Schulden auf das Jahr 2044 und folgende verschieben. Wir feiern heute eine Party, für die unsere Kinder die Zeche zahlen, während sie gleichzeitig in verspäteten Zügen sitzen und vor gesperrten Autobahnbrücken warten – von denen bisher erst 40 Prozent saniert wurden.
Dritter Akt: Wer trägt die Last? Das Fairness-Paradox
Wenn der Staat nun so massiv Geld ausgibt (und leiht), stellt sich die Frage: Wer finanziert das Ganze? Hier zeigt das deutsche Steuersystem des Jahres 2026 seine tiefste Unwucht.
Treffen wir Julia und Max.
Julia ist 35 und arbeitet als IT-Projektleiterin. Sie verdient 110.000 Euro im Jahr. Sie ist die personifizierte „arbeitende Mitte“. Julia zahlt den Spitzensteuersatz und volle Sozialbeiträge. Von ihrem Einkommen gehen effektiv rund 43 Prozent an den Staat. Sie finanziert mit ihrer Arbeit jene Infrastruktur, die gerade zerfällt, und jene Zinsen, die der Staat für seine Schulden zahlen muss.
Max ist Multimillionär. Sein Einkommen von 1,6 Millionen Euro stammt zu 84 Prozent aus Gewinnen und Kapitalerträgen. Dank der pauschalen Abgeltungsteuer zahlt Max auf seine Dividenden und Zinsen lediglich 25 Prozent (plus Soli). Da seine Sozialbeiträge gedeckelt sind, liegt seine effektive Gesamtbelastung bei gerade einmal 24 Prozent – also fast nur der Hälfte von Julias Quote.
Das Konzept der Fairness in der Marktwirtschaft
Warum wird Geld, das „nur“ durch das Vorhandensein von Geld erwirtschaftet wird, privilegierter behandelt als Geld, das durch tägliche Arbeit entsteht? Das passt kaum zum Leitbild der Sozialen Marktwirtschaft.
Früher hieß es, die Abgeltungsteuer sei nötig, um Kapitalflucht zu verhindern: „25 Prozent auf X sind besser als 42 Prozent auf gar nix“, war das Motto. Doch dieser Grund ist im Jahr 2026 hinfällig. Dank des automatischen internationalen Informationsaustauschs zwischen den Finanzbehörden ist es heute fast unmöglich, Vermögen im Ausland zu verstecken.
Es wäre nur konsequent und fair, Kapitaleinkünfte – abseits eines vernünftigen Freibetrags für Kleinsparer – vollständig in die normale Einkommensteuer zu integrieren. Es gibt keinen sachlichen Grund, warum Max für den Euro, den Julia ihm über die Zinsen seiner Staatsanleihen bezahlt, weniger Steuern abführen sollte als Julia selbst.
Epilog: Bröckelnder Beton und steuerliche Stille
Während Julia am Bahnsteig auf einen Zug wartet, der wegen einer „Signalstörung auf einer veralteten Strecke“ ausfällt, blickt sie auf ihre Gehaltsabrechnung. Sie trägt die Last eines Staates, der sich Milliarden leiht, um sie im Verschiebebahnhof zu parken, während er gleichzeitig dem großen Kapital einen steuerlichen Rabatt gewährt.
Wahre Steuergerechtigkeit würde bedeuten, dass jede Art von Leistungsfähigkeit gleichermaßen zur Finanzierung unseres Gemeinwesens beiträgt. Erst wenn Kapitalerträge regulär wie Einkommen besteuert werden, wird aus dem fiskalischen Verschiebebahnhof wieder ein echtes Fundament für die Zukunft.
Anhang: Fakten-Check 2026
Hier sind die zentralen Daten, die das Problem der Staatsfinanzierung und Steuergerechtigkeit verdeutlichen:
1. Das Sondervermögen Infrastruktur (SVIK)
Volumen: 500 Milliarden Euro bis 2036.
Der Verschiebebahnhof: Fast 49 % der Mittel fließen nicht in zusätzliche Projekte, sondern ersetzen reguläre Ausgaben im Kernhaushalt.
Beispiel Schiene: SVIK zahlt 18,8 Mrd. € an die Bahn, der Kernhaushalt kürzt gleichzeitig 13,7 Mrd. €.
2. Die soziale Schieflage im Steuersystem
Abgeltungsteuer: Pauschal 25 % auf Kapitalerträge.
Effektive Belastung:
Durchschnittsverdiener (Julia): ca. 43 % (inkl. Sozialabgaben).
Top 0,1 % (Max): ca. 24 % (da 84 % des Einkommens aus Kapital/Gewinnen stammen).
Zinsabfluss: Der Staat zahlt Milliarden an Zinsen für seine Schulden. Da das oberste 1 % der Bevölkerung etwa ein Drittel des Gesamtvermögens besitzt, fließen diese Zinszahlungen überproportional an die Reichsten zurück – finanziert durch die Steuern der Arbeitnehmer.
3. Zustand der Infrastruktur
Bahn-Pünktlichkeit: 52,1 % im Fernverkehr (Stand Jan 2026).
Baustellen: Über 28.000 geplante Sanierungsstellen im Jahr 2026.
Brücken: Nur ca. 40 % der sanierungsbedürftigen Autobahnbrücken wurden bisher modernisiert.
4. Zukünftige Lasten
Mütterrente III: Kostet ca. 5 Mrd. € pro Jahr, summiert sich bis 2040 auf ca. 60 Mrd. €.
Schuldentilgung: Die Rückzahlung der 500 Milliarden Euro beginnt am 1. Januar 2044.
und andere

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